Steeve M. Meyner
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Romane / Serien
 

1.Kapitel

 

München - Mittwoch, später Nachmittag

Mit quietschenden Reifen bog der dunkelblaue Honda CRX um die Kurve und schoss, ohne auch nur kurz abzubremsen, von der Nebenstraße auf die stark befahrene, mehrspurige Hauptstraße. Laut hupend scherte ein voll beladener Transporter in letzter Sekunde zur Seite aus und rammte dabei einen Lieferwagen, der gerade an der Seite parkend ein Geschäft bediente. Auch die Fahrer der nachfolgenden Fahrzeuge mussten stark abbremsen, um nicht in die dicken Bretter zu fahren, die von der Ladefläche des Transporters seitlich auf die Straße rutschten.

Das Vorderrad eines Fahrradkuriers, der sich in Eile zwischen den Autos hindurchschlängelte und der den Unfall nicht rechtzeitig bemerkt hatte, wurde von einem der herabstürzenden Bretter seitlich getroffen. Dadurch geriet das Rad schwer ins Schlingern. Der Fahrer flog im hohen Bogen über den Lenker seines Rennrades und landete unsanft ganz knapp vor einem der Autos mit dem Rücken auf der Straße. Trotz Vollbremsung kam dieses nur Zentimeter vor seinem Kopf zum Stehen.

Der eigentliche Verursacher dieses Chaoses raste unterdessen einfach weiter. Aggressiv wechselte er zwischen den Fahrspuren hin und her und schnippelte von einer Lücke zur nächsten, ohne Rücksicht darauf, dass er bei seinen Fahrmanövern hin und wieder andere Autos streifte, sodass deren Fahrer erschrocken und perplex auf die Bremse gingen oder an den Rand fuhren.

Als dann aber keine freie Lücke mehr vorhanden war, weil ein Linienbus und ein extra langes Wohnmobil nebeneinander herfuhren und so beide Fahrspuren gleichzeitig blockierten, wich der CRX kurzerhand auf die Gegenspur aus, auf der gerade außer einem klapprigen Mofa keine Fahrzeuge unterwegs waren. Doch das änderte sich schon im nächsten Augenblick, als eine Ampel auf Grün schaltete und sich eine ganze Kolonne von Fahrzeugen in Bewegung setzte.

Laut hupend und mit aufgeblendetem Licht kamen sie dem Geisterfahrer immer näher, der aber nicht einmal daran dachte, anzuhalten oder wenigstens auch nur seine Geschwindigkeit zu drosseln. Unbeirrt raste er auf Kollisionskurs weiter und schien sogar noch an Geschwindigkeit zuzulegen. Erst ein paar Meter, bevor er in die entgegenkommenden Fahrzeuge hineinraste, riss der Fahrer sein Lenkrad scharf zur Seite und bog in eine Fußgängerpassage ein, auf der sich ein Marktstand an den Nächsten reihte.

Kreischend und schreiend sprangen die verängstigten Passanten zur Seite, um nicht von dem Auto erfasst zu werden. Krachend brach ein Verkaufsstand nach dem Anderen in sich zusammen, als die Tische und Stützen der Überdachungen umgefahren wurden. Immer tiefer drang der Honda in die lang gezogene Fußgängerzone ein und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Doch dann endete der Weg auf einem großen Platz, dessen Mitte ein moderner Springbrunnen schmückte.

Ohne zu bremsen, schoss der inzwischen schon reichlich demolierte Sportwagen darauf zu. Die Marktbesucher hatten wie auf Kommando eine Gasse freigemacht, sodass der Fahrer des Autos weder nach links oder rechts ausweichen konnte, ohne zu riskieren, gleich mehrere Menschen in den Tod zu reißen.

Doch die Gasse war nicht ganz frei. Ein kleines, vielleicht fünf oder sechs Jahre altes Mädchen stand unbeweglich genau in der Mitte und starrte das auf sie zurasende Auto mit riesigen Augen an. Die Eistüte war bereits ihrer zitternden Hand entglitten und auf den schmutzigen Steinboden gefallen. Der hysterische Schrei ihrer Mutter übertönte den Lärm, als sie endlich ihre Tochter entdeckte, die sie in der ganzen Panik aus den Augen verloren hatte und die jetzt in größter Lebensgefahr schwebte. Doch sie war viel zu weit entfernt, um noch rechtzeitig eingreifen zu können.

Noch gut fünfzig Meter trennten das Mädchen von dem auf sie zukommenden Auto, dessen Fahrer jetzt begann, wie wild zu hupen, als ob er sie dadurch aus dem Weg schaffen könnte. Aber er dachte auch jetzt noch nicht daran zu bremsen.

Nur noch Bruchteile von Sekunden verblieben, bis das junge Leben des Mädchens ausgelöscht sein würde. Das hysterische Schreien der Mutter verstummte, da sie vor Angst ohnmächtig in sich zusammensackte.

Plötzlich löste sich eine junge Frau aus der schockierten Menschenmenge, die alle fassungslos und wie gelähmt auf das todgeweihte Mädchen starrten, und sprang wie ein Panther auf die Kleine zu und riss sie mit sich fort. Durch diesen mutigen Einsatz im allerletzten Moment gerettet, landete das Mädchen mit ihrer Retterin in einem Stand mit Lederjacken, die dort ein Händler zum Verkauf anbot.

Das noch immer laut hupende Auto krachte ungebremst in die Springbrunnenkonstruktion und fand ein jähes Ende an einem baumstammdicken Edelstahlrohr, das das Zentrum des Wasserspiels darstellte. Der Motor heulte noch einmal auf, bis er endlich mit einem lauten Knall verstummte. Die Splitter der berstenden Scheiben mischten sich mit dem spritzenden Wasser. Dicker, schwarzer Rauch quoll aus der durch den harten Aufprall stark verbeulten Motorhaube. Eine hohe und unkontrollierte Wasserfontäne, die von einem abgerissenen Hochdruckrohr des Springbrunnens herrührte, ergoss sich über das Chaos und die noch immer in Schockstarre verharrenden Menschen.

Doch es dauerte nicht lange, bis sich einige der Passanten wieder gefangenen hatten. Während drei Männer zu dem demolierten Auto rannten, um den verrückt gewordenen Fahrer zu stellen, kümmerten sich andere um das kleine Mädchen und die junge Frau, die sie buchstäblich in letzter Sekunde gerettet hatte.

»Alles okay. Der Kleinen geht es gut«, rief die Retterin, während sie mit dem Kind im Arm aus dem Jackenhaufen herauskletterte. Das kleine Mädchen begann jetzt, laut zu schreien und ließ sich weder von der jungen Frau noch von anderen Passanten beruhigen.

»Mein Baby. Oh mein Baby. Wo ist mein Baby?«, schrie die Mutter des Kindes, die wieder zu sich gekommen war und nun zu der Stelle gerannt kam, wo die Kleine weinend und von mehreren Frauen umringt dastand. Diese hatten erfolglos versuchten, sie zu beruhigen. Als die Mutter ihr Kind endlich entdeckte, eilte sie zu ihm hin und fiel vor ihm auf die Knie.

»Mia, mein Schatz. Komm zu Mama! Es ist alles gut! Es ist alles gut!«

Mit Tränen in den Augen schloss sie ihre Tochter in die Arme und langsam beruhigte sich auch das kleine Mädchen.

Unterdessen hatten die Männer das Auto erreicht und rissen die Fahrertür auf. Der Fahrer des Wagens rutschte bewusstlos und mit blutüberströmtem Gesicht heraus. Das Blut stammte von einer großen Schnittwunde an seiner Stirn, die von irgendeinem scharfen Gegenstand herrührte. Selbst auf dem ausgelösten Airbag war ein blutiger Abdruck zu sehen.

»Schnell, der braucht einen Arzt! Ruf mal einer die 112 an! Und am besten auch noch die Bullen.«

»Die Bullen sind schon da!«, rief mit schnarrender Stimme ein Mann in Zivil, der gerade von der Hauptstraße kommend und der Spur der Verwüstung folgend angelaufen kam.

Er war nicht übermäßig groß, trug eine schwarze Lederjacke und eine ausgewaschene Jeans. Auf seiner ziemlich langen Nase saß eine randlose Sonnenbrille, sodass seine Augen nicht zu erkennen waren. Sein dunkles, ungekämmtes Haar stand kreuz und quer in alle Richtungen. Mit der einen Hand hielt er seinen Polizei-Ausweis hoch, während er mit seiner anderen Hand sein museumsreifes Uralthandy ans Ohr presste. Doch da er scheinbar seinen Gegenüber nicht erreichte, steckte er das Telefon zurück in seine Hosentasche.

»Ich bin Johann Schneider von der Kriminalpolizei. Bitte bewahren sie die Ruhe, bis die Einsatzkräfte eintreffen! Gibt es irgendwelche Verletzte? Jeder der etwas gesehen hat, bekommt gleich die Gelegenheit, es zu erzählen, sobald die Münchner Kollegen hier eintreffen. Und keiner verlässt bis dahin den Tatort. Klar?«

Trocken und ohne jegliche Betonung hatte Schneider seinen Spruch heruntergeleiert. Dabei strahlte er fast noch weniger Menschlichkeit aus als eine der monotonen Computerstimmen, wie sie in Bussen und S-Bahnen üblich sind. Entsprechend abweisend blickten ihn die Leute auch an. Doch das schien ihn nicht im Geringsten zu interessieren. Ohne auf die Zurufe einiger Passanten zu reagieren, bahnte er sich seinen Weg zu dem noch immer qualmenden Fahrzeug.

Im Hintergrund wurden bereits mehrere Martinshörner laut. Zwei Feuerwehrtrucks, mehrere Krankenwagen und gleich ein halbes Dutzend Polizeifahrzeuge kamen fast gleichzeitig am Ort des Geschehens an. Während die Notärzte und Sanitäter sofort ausschwärmten und die Verletzten versorgten, sperrte die Polizei das ganze Gebiet weiträumig ab.

Der Fahrer des Sportwagens, der diesen ganzen Auflauf verschuldet hatte, war bei dem Aufprall schwer verletzt worden, sodass er umgehend mit Blaulicht und Polizeibewachung ins nächste Klinikum gebracht werden musste.

Kriminalhauptkommissar Gottfried Mohler, der den Polizeieinsatz koordinierte, hatte indessen mit mehreren Kollegen begonnen, die Zeugen zu vernehmen. Als er zum dritten Mal erzählt bekam, dass ein einzelner Polizist in Zivil als Erster vor Ort gewesen sein sollte, wandte er sich an seinen Assistenten, der gleich hinter ihm stand.

»Schulze, wer von den Kollegen war eigentlich noch vor uns hier gewesen?«

»Keine Ahnung«, antwortete dieser gelangweilt. Ganz offensichtlich war er genervt von der Frage seines Vorgesetzten.

»Keine Ahnung? Soll ich mich wohl selber darum kümmern, was?«

Albert Schulze, der Praktikant und persönliche Assistent des Hauptkommissars, zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen 'Dann mach's doch!'

»Beweg' deinen lahmen ...«,

»Is ja gut. Ich geh ja schon«, unterbrach Schulze seinen aufgebrachten Chef und trottete unmotiviert los.

»Wir haben die Frau gefunden, die das kleine Mädchen gerettet hat«, sagte eine Polizistin, die gerade mit der mutigen Retterin im Gefolge bei Mohler eintraf.

»Gottfried Mohler, Hauptkommissar. Nach allem, was ich so gehört habe, war das ja eine echte Heldentat gewesen, was sie da geleistet haben. Mit wem habe ich die Ehre?«

»Susanne Geyerhoff«, antwortete die Frau wortkarg und mit spürbarem Unbehagen.

»Frau Geyerhoff ...«, begann Mohler zu sprechen, aber sofort fiel sie ihm ins Wort.

»Sue! Alle nennen mich einfach Sue.«

»In Ordnung, Sue. Können Sie sich noch an etwas erinnern, was für uns wichtig sein könnte?«

»Keine Ahnung. Kann ich jetzt gehen?«, antwortete Susanne sichtbar gereizt.

»Na gut!«, entgegnete Mohler gelassen, »Die Kollegen werden noch ihre Personalien aufnehmen, falls wir noch Fragen haben sollten. Und vielleicht fällt ihnen ja doch noch etwas ein.«

Mohler wandte sich wieder den anderen Passanten zu, während die Polizistin sich Susannes Daten aufschrieb.

»Etwas eigenartig war schon, dass der Typ noch telefoniert hat«, rief Sue nun doch dem Hauptkommissar zu.

»Was?«

»Na, der Typ in dem Auto da. Er hatte die ganze Zeit sein Handy am Ohr.«

»Der fährt hier rum wie der Henker und telefoniert noch dabei? Das kann doch wohl nicht wahr sein«, empörte sich Mohler, »Jemand soll unverzüglich das Handy dieses Spinners finden. Ich will wissen, mit wem er gesprochen hat! Und kann endlich jemand dafür sorgen, dass das Wasser hier abgestellt wird!«

Dann wandte er sich wieder Susanne zu und sagte »Vielen Dank, Sue. Diese Information könnte vielleicht ganz hilfreich sein. Wenn ihnen noch etwas einfällt, dann ...«

Susanne schüttelte nur den Kopf und hatte sich schon herumgedreht, sodass Mohler ihr nicht weiter hinterher schreien wollte.

Zwei Beamte waren unterdessen wieder zu dem Auto gelaufen und durchsuchten dort alles nach einem Telefon. Doch im Auto war nichts zu finden. Auch im Wasserbecken des demolierten Springbrunnens fanden sie nichts Brauchbares. Schließlich kamen sie tropfend vor Nässe wieder zurück zu Mohler.

»Da ist kein Handy oder so was«, sagte einer der Beamten frustriert.

»Aber er hat ganz sicher telefoniert!«, wiederholte Sue selbstsicher, während sie sich wieder zu Mohler herumdrehte, »Ich habe es ganz genau gesehen!«

Auch ein weiterer Zeuge meldete sich zu Wort. »Ich habe es auch gesehen. Der hat wirklich telefoniert! Und zwar bis zur letzten Sekunde.«

»Okay, okay. Ich glaube ihnen ja. Doch irgendwo muss das Handy ja dann doch sein«, Mohler winkte die beiden Polizisten, die das Auto bereits untersucht hatten, wieder zu sich.

»Da muss ein Telefon sein! Schauen sie noch einmal nach!«

»Aber ...«

»Tun sie's einfach!«, ließ Mohler gar keinen Widerspruch erst zu. Mit zornigem Blick trotteten die beiden nassen Beamten zurück zu dem Auto. Auch wenn zwar endlich jemand den Zufluss abgedreht hatte, stand dort trotzdem noch alles unter Wasser.

»Wo ist dieser Schulze? Schulze!«, schrie Mohler wütend, da sein Assistent noch immer nicht mit den geforderten Informationen zurück war. Er wollte endlich weg von hier. Schließlich hatte er eigentlich noch etwas viel Wichtigeres zu tun.

Langsam, wie als wenn er sich gerade auf einem gemütlichen Schaufensterbummel befinden würde, kam Schulze zurück geschlurft.

»Das wird aber auch Zeit!«, schimpfte Mohler, doch Albert Schulze ließ sich nicht im Geringsten davon beeindrucken. Die Stelle als Praktikant und persönlicher Assistent des Hauptkommissars hatte ihm sein Vater organisiert, der als Polizeipräsident der Vorgesetzte von Gottfried Mohler war.

»Ein gewisser Johann Schneider war ...«

»Ich kenne keinen Johann Schneider«, fiel ihm Mohler ungehalten ins Wort, »Von welchem Revier soll der denn sein?«

»Was geht mich das an? Sie wollten den Namen. Sie haben den Namen. Fertig! Und ganz nebenbei, ich habe jetzt Feierabend. Bis morgen dann.«

Mit diesen Worten drehte er sich demonstrativ auf den Hacken um und ging.

»Schulze! Sie bleiben hier, bis ich sage, dass sie gehen dürfen!«, rief ihm Mohler mit hochrotem Kopf hinterher.

»Ich kann und muss sie in meiner Freizeit nicht verstehen. Und das mache ich auch gar nicht!«, antwortete Schulze, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dazu hob er den Arm provokatorisch in die Höhe und schlenderte weiter.

Hauptkommissar Mohler war wütend und stinksauer über das Benehmen des Praktikanten. Wäre es nicht der Sohn seines Vorgesetzten, würde er ihn, ohne einen Augenblick zu zögern, vor die Tür setzen. Doch er hatte nun einmal den direkten Befehl erhalten, sich um ihn zu kümmern und etwas aus ihm zu machen. Lange würde er sich das ganz sicher nicht mehr ansehen.

Als er sich schließlich herumdrehte, um weiter mit Susanne und den anderen Zeugen zu sprechen, stand plötzlich ein Mann direkt vor ihm.

»Ich bin Johann Schneider. Sie suchten nach mir?«

 

Hamburg - Mittwoch, später Nachmittag

»Hier ist der Notruf 112. Was kann ich für sie tun?«

»Es brennt! In dem Haus vor mir brennt es! Ich kann die Flammen schon aus dem Fenster schlagen sehen!«, schrie eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung hysterisch ins Telefon.

»Bitte beruhigen sie sich erst einmal!«, antwortete der Beamte in der Notrufzentrale, »Sagen sie mir bitte als Erstes ihren Namen und den genauen Standort.«

»Weiß ich nicht! Weiß ich doch nicht! Haben sie nicht gehört? Es brennt! Schicken sie einfach die Feuerwehr her! Es brennt lichterloh!«, schrie die Frau zurück, ohne jedoch auf die Fragen einzugehen.

»Junge Frau! Bitte beruhigen sie sich! Ich kann die Feuerwehr nicht zu ihnen schicken, wenn ich nicht weiß, wo sie sich befinden! Also, bitte schauen sie sich um nach einem Straßenschild oder so ...«

Eine laute Explosion, gefolgt von mehreren lauten Schreien, klang durch das Telefon. Dann gab es einen Schlag. Wahrscheinlich war der Frau das Handy aus der Hand gefallen. Horst Harzmann erlebte gerade den Albtraum seines Lebens und den schlimmsten Tag überhaupt, seit er in der Notrufzentrale arbeitete. Und er war dort schon seit über siebzehn Jahren tätig.

In den letzten zwanzig Minuten war hier die Hölle los gewesen. Angefangen hatte es damit, dass gleich vier Feuermelder an ganz verschiedenen Stellen in der Stadt kurz nacheinander Großalarm auslösten - einer in einem großen Einkaufszentrum in Harburg, einer in einer Schule in Rahlstedt, einer im Uni-Klinikum in Eppendorf und ein Weiterer in einer Lagerhalle für Chemieabfälle in der Nähe des Flughafens. Fast alle Feuerwehrstaffeln der Stadt waren inzwischen ausgerückt.

Vor fünf Minuten war noch ein weiterer Notruf eingegangen, dass sich ein schwerer Verkehrsunfall auf der Autobahn ereignet hatte, sodass auch dort weitere Einsatzfahrzeuge gebraucht wurden, was bei der aktuellen Situation schon ein Problem war.

Und jetzt war da noch dieser Anruf! Harzmann musste erst einmal tief durchatmen, bevor er weitermachen konnte.

»Hallo? Hallo?«, rief er in den Hörer seines Telefons, erhielt aber keine Antwort. Gleichzeitig beobachtete er, wie schlagartig auf den anderen Leitungen gleich fünf weitere Anrufe eingingen. Sollten sich doch seine Kollegen darum kümmern! Er hatte jemanden in der Leitung und dort schien gerade etwas Schlimmes zu passieren. Doch dann war die Leitung plötzlich unterbrochen.

»Wir brauchen in der Mainstraße dringend Feuerwehr und Rettungswagen. Dort ist gerade ein Wohnhaus in die Luft geflogen«, rief eine Kollegin aufgeregt. War dies das Haus, von dem gerade die Frau am Telefon gesprochen hatte? Es sah zumindest ganz danach aus, denn auch noch zwei andere Kollegen meldeten gerade einen ähnlichen Notruf. Und jedes Mal waren die Leitungen unterbrochen worden, bevor die Beamten in der Notrufzentrale alle benötigten Informationen erhalten hatten.

Ein Blick auf den Monitor zeigte allerdings, dass alle Einheiten in der Nähe der Mainstraße bereits ausgerückt waren. Also musste so schnell wie möglich ein Feuerwehrzug aus einem der Randgebiete dorthin geschickt werden. Und am besten auch gleich noch ein Rettungswagen! Doch jetzt im Feierabendverkehr waren die Straßen meist völlig verstopft. Dadurch würde es sicherlich mindestens fünfzehn oder sogar zwanzig Minuten dauern. Aber es gab nun mal keine Alternative.

Neben Feuerwehr und Rettungswagen informierte Horst Harzmann auch gleich noch die Polizei, da ja damit zu rechnen war, dass auch Personen zumindest verletzt worden sein könnten oder Schlimmeres.

 

München - Mittwoch, später Nachmittag

»Wer sind sie?«, fragte Mohler überrumpelt. Die Wut auf seinen Praktikanten stand ihm noch ins Gesicht geschrieben.

»Ich bin Johann Schneider ...«

»Ach so, ach so!«, fiel ihm Mohler ins Wort, »Ich kenne sie nicht! Wie kommen sie eigentlich dazu, sich als Polizist auszugeben?«

»Kripo Hamburg, Sondereinsatzkommando Internetkriminalität ...«

»Stopp, stopp, stopp!«, fiel ihm der Hauptkommissar erneut ins Wort, »Interessiert mich alles nicht! Wenn ich Unterstützung angefordert hätte, so wüsste ich es. Mischen sie sich also gefälligst nicht in meine Verantwortlichkeiten ein. Und wie Internet sieht das hier ja wohl auch nicht aus. Also verlassen sie sofort den Tatort, oder ich werde sie ...«

»Jetzt mal ganz langsam! Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und wollte nur helfen. Aber auch gut. Schließlich habe ich Urlaub!«

Beleidigt und ohne noch auf eine Reaktion von Mohler zu warten, drehte Schneider sich um und verschwand im Getümmel.

 

Hamburg - Mittwoch, später Nachmittag

Ein Bild der Verwüstung bot sich den Rettungssanitätern, die als erste Einsatzkräfte mit dem Krankenwagen am Unglücksort eintrafen. Die gesamte dritte Etage des siebenstöckigen Büro- und Appartementhauses stand in Flammen. An einer Stelle fehlten weite Teile der Außenfassade, die durch die Wucht der Explosion regelrecht herausgerissen worden waren, sodass der Blick ins Innere einer modern eingerichteten Wohnung frei war. Schwarzer Rauch wallte über den flackernden Flammen, die den Holzfußboden und die edlen Designermöbel bereits erfasst hatten.

Auf der Straße lagen die zertrümmerten Reste der Wand und hatten gleich mehrere am Straßenrand parkende Autos demoliert. Zwischendrin lagen und hockten auch noch einige Menschen, die von den herumfliegenden Trümmern verletzt worden waren.

Die Sanitäter begannen sofort, sich um die Verletzten auf der Straße zu kümmern. Wie durch ein Wunder schien keines der Opfer lebensgefährlich verletzt worden zu sein, obwohl mehrere von ihnen stark bluteten und zum Teil auch recht große Platz- und Schnittwunden hatten, die von den herumfliegenden Steinen und Glassplittern verursacht worden waren.

Es dauerte noch gut fünfzehn Minuten, bis endlich der erste Feuerwehrzug eintraf. Die Flammen hatten sich bereits fast über die gesamte Etage ausgebreitet und begannen, allmählich auch auf die darüberliegenden Geschosse des Hauses überzugreifen. Sofort begannen einige der Feuerwehrmänner damit, Wasser von außen in die Flammen zu sprühen, während ein Trupp in das Haus vorstieß, um nach Verletzten und Opfern zu suchen.

»Wir brauchen dringend Verstärkung. Sonst gerät die Sache im Nu außer Kontrolle ... Wie? ... Nein, auf so einen Fall sind wir nicht vorbereitet! ... Sie können keine Verstärkung schicken? ... Was soll das? Mit nur zwei Staffeln kann ich das nie und nimmer schaffen! ... Nein! Nein, jetzt sage ich ihnen etwas! Sorgen Sie dafür, dass umgehend mindestens zwei oder drei weitere Löschzüge hier auftauchen. Dazu noch ein Leiterwagen und ein Helikopter. Wir müssen vorbereitet sein, mögliche Eingeschlossene über das Dach zu evakuieren! ... Dann tun sie es doch einfach!« Aufgebracht warf der Hauptmann der Feuerwehr sein Telefon auf den Beifahrersitz.

»Das kann doch nicht wahr sein!«, sagte er zu dem Löschmeister, der gerade neben ihm stand, »Wir sind vorerst auf uns allein gestellt. Alle umliegenden Löschzüge sind ebenfalls im Einsatz. Ich will trotzdem nicht, dass sich die Kollegen übermäßigen Gefahren aussetzen! Und wo bleibt eigentlich die Polizei? Diese ganzen Gaffer müssen hier weg.«

Innerhalb weniger Minuten waren von überallher Menschen zusammengelaufen, um zu beobachten, was gerade passierte. Dass dadurch die Sanitäter und die Feuerwehr stark behindert wurden, schien keinen der Neugierigen zu kümmern. Viele von ihnen hatten ihre Handys oder Kameras griffbereit, um vielleicht das eine oder andere spektakuläre Foto zu schießen.

»Treten sie zurück, damit die Einsatzkräfte ihren Job machen können!«, rief der Feuerwehrmann, der den Einsatz leitete, den immer näher kommenden Gaffern zu. Doch die drängten trotzdem weiter heran, um noch besser beobachten und fotografieren zu können. Plötzlich rief einer der Passanten, »Dort! Dort oben auf dem Dach! Dort sind Leute!«

Ein lautes Raunen lief durch die immer größer werdende Menge der Schaulustigen. Ganz oben auf dem Dach befanden sich mehrere Menschen, die über den Rand des Daches schauten und versuchten, sich durch Winken bemerkbar zu machen.

Ein klein wenig erleichtert atmete der Feuerwehrhauptmann durch, als endlich mehrere Polizeifahrzeuge eintrafen und sofort damit begannen, das Gelände großflächig abzusperren und die neugierigen Gaffer aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Kurze Zeit später kamen dann auch der angeforderte Hubschrauber, weitere Löschfahrzeuge und Leiterwagen der Feuerwehr und gleich mehrere Rettungswagen dazu.

Eine weitere, allerdings wesentlich schwächere Explosion ließ mehrere Fenster in der vierten Etage zerbersten und überschüttete die Einsatzkräfte auf der Straße mit Glassplittern und löste unter den noch verbliebenen Schaulustigen eine kleine Panik aus. Zwei Leiterwagen waren unterdessen so postiert worden, dass der Löscheinsatz von außen gestartet werden konnte, während sich mehrere Trupps der Feuerwehr über die zwei Treppenaufgänge ebenfalls zum Feuer vorkämpften.

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